Wenn der Kopf gleichzeitig Rennwagen und Labyrinth ist
Wie AuDHS meine Arbeit beeinflusst
Es gibt Dinge an meiner Arbeit, die von außen wahrscheinlich ziemlich geradlinig aussehen.
Ich fahre zu Pferden.
Ich bearbeite Hufe.
Ich entwickle Inhalte.
Ich schreibe über Biomechanik, Studien und Beobachtungen.
Ich baue nebenbei eine Website, einen Shop, eine Kinderwelt und ungefähr siebzehn Ideen, von denen eigentlich nur drei gleichzeitig existieren sollten.
Von innen fühlt sich das manchmal deutlich anders an.
Mein Gehirn arbeitet nicht besonders gern in geraden Linien.
AuDHS bedeutet für mich, dass Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Fokus und Arbeitsorganisation anders funktionieren als bei anderen Menschen.
Und das beeinflusst meine Arbeit jeden einzelnen Tag.
Manchmal ist es eine enorme Stärke.
Ich sehe Zusammenhänge, springe gedanklich zwischen Beobachtung, Biomechanik, Haltung, Bewegung und Vorgeschichte hin und her und merke manchmal sehr schnell, wenn irgendetwas nicht zusammenpasst.
Ich habe diesen fast lächerlich starken Fokus auf Details.
Auf winzige Veränderungen.
Auf Dinge, bei denen andere vielleicht längst weitergegangen wären.
Manchmal ist genau das anstrengend.
Und manchmal ist es exakt der Grund, warum ich etwas sehe, das vorher niemand gesehen hat.
Ein Huf ist für mich deshalb selten einfach nur ein Huf.
Er ist ein System.
Ein Puzzle.
Eine Momentaufnahme von etwas, das sich permanent verändert.
Genau diese Art zu denken ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum mich Hufe bis heute nicht langweilen.
Aber dieselbe Eigenschaft hat eine Rückseite.
Hyperfokus bedeutet nämlich nicht automatisch Produktivität.
Manchmal bedeutet er, dass ich drei Stunden lang an einem Detail arbeite, das objektiv betrachtet vielleicht zwanzig Minuten verdient hätte.
Dass ich vergesse zu essen.
Dass ich zehn Tabs öffne, weil jeder Gedanke sofort eine neue Tür aufmacht.
Dass aus „Ich ändere kurz diese Überschrift“ plötzlich eine komplette Überarbeitung einer Website wird.
Und dass mein Gehirn morgens fünf Projekte gleichzeitig starten möchte, während es bei einer simplen Verwaltungsaufgabe beschließt, einfach nicht mehr mitzumachen.
Das wirkt von außen möglicherweise widersprüchlich.
Wie kann jemand stundenlang Studien lesen, Gestaltungskonzepte entwickeln oder an einer winzigen Veränderung eines Hufes arbeiten – und gleichzeitig Schwierigkeiten damit haben, eine unspektakuläre E-Mail zu beantworten?
Willkommen in meinem Kopf.
Routineaufgaben können sich erstaunlich schwer anfühlen.
Neue Ideen dagegen besitzen manchmal eine geradezu magnetische Wirkung.
Deshalb brauche ich Strukturen.
Wiederkehrende Abläufe.
Klare Termine.
Und manchmal Menschen oder Systeme, die mich daran erinnern, dass auch das langweilige Zeug erledigt werden muss.
AuDHS beeinflusst aber nicht nur, wie ich arbeite.
Es beeinflusst auch, was ich wahrnehme.
Ich beobachte viel.
Kleine Veränderungen.
Bewegungsmuster.
Oberflächen.
Spannung.
Abnutzung.
Details, die zunächst vielleicht bedeutungslos erscheinen.
Das heißt nicht, dass jede Beobachtung automatisch richtig ist.
Im Gegenteil.
Gerade deshalb hinterfrage ich meine eigenen Annahmen ständig.
Ich möchte wissen:
Warum sehe ich das?
Was könnte noch dahinterstecken?
Passt meine Erklärung wirklich?
Was sagt die Forschung dazu?
Und was passiert, wenn ich mich irre?
Vielleicht kommt daher auch meine Haltung zur Wissenschaft.
Nicht als Sammlung endgültiger Wahrheiten.
Sondern als permanentes Prüfen, Beobachten, Zweifeln und gegebenenfalls Revidieren.
Mein Gehirn liebt genau diesen Prozess.
Die Wahrheit ist trotzdem:
Es ist manchmal anstrengend.
Reize können zu viel werden.
Soziale Interaktion kostet Energie.
Organisation kostet Energie.
Permanent zwischen praktischer Arbeit, Familie, Büro, kreativen Projekten und neuen Ideen umzuschalten, kostet Energie.
Und deshalb sieht mein Arbeitstag nicht immer so ordentlich aus, wie ein Instagram-Feed vielleicht vermuten lässt.
Hinter Hoofphysics stehen keine perfekt durchgetakteten Prozesse.
Da steht ein Mensch.
Mit einem ziemlich schnellen Kopf.
Mit einer ausgeprägten Neugier.
Mit Tagen voller Fokus.
Mit Tagen voller Chaos.
Mit sehr vielen Ideen.
Und mit der ständigen Aufgabe, herauszufinden, welche davon gerade wirklich wichtig sind.
Ich würde mein Gehirn trotzdem nicht gegen ein ruhigeres eintauschen wollen.
Denn vieles von dem, was Hoofphysics heute ausmacht, ist vermutlich genau dort entstanden:
im Hinterfragen.
im Beobachten.
im Akzeptieren.
im Verbinden von Dingen, die zunächst nicht zusammengehören.
Und gelegentlich in einem völlig unangemessenen Hyperfokus um 23:47 Uhr.
Das hier ist keine Anleitung dazu, wie AuDHS aussieht.
Es ist nur ein Blick darauf, wie es bei mir aussieht.
Denn Neurodivergenz ist genauso individuell wie die Menschen, die mit ihr leben.
Und vielleicht erklärt dieser Blick hinter die Kulissen ein kleines bisschen besser, warum ich arbeite, wie ich arbeite.
Nicht immer geradlinig.
Aber fast immer neugierig.
Wie es ist mit mir zu arbeiten
Mit mir zu arbeiten bedeutet manchmal, sehr viele Ideen auf einmal auszuhalten.
Ich denke am liebsten laut. Ich springe zwischen Gedanken. Ich sehe Möglichkeiten, bevor ich schon weiß, welche davon am Ende tragen wird.
Und ich kann gut damit leben, nicht sofort eine Antwort zu haben.
Manche Dinge müssen beobachtet werden.
Manche entwickeln sich.
Manche bleiben erst einmal eine offene Frage.
An anderen Tagen bin ich so tief in meiner Arbeit, dass ich mitten im Gespräch plötzlich fragen muss:
„Was hast du eben gesagt?“
Nicht, weil ich nicht zugehört habe.
Sondern weil mein Kopf in diesem Moment irgendwo sehr tief zwischen Huf, Bewegung, Winkel, Oberfläche und nächstem Arbeitsschritt verschwunden ist.
Es gibt auch sehr akribische Tage.
Tage, an denen ich Ruhe brauche.
Viele Menschen um mich herum, Gespräche nebenbei oder ständige Unterbrechungen können mir dann erstaunlich schnell die Konzentration nehmen. Meist sind das die Tage, an denen mir plötzlich immer wieder das Messer aus der Hand plumpst oder ich mitten im Gespräch Worte verliere.
Und dann gibt es mein persönliches „Aus den Augen, aus dem Sinn“.
Ich sage völlig ernst gemeint:
„Ich melde mich später.“
Und denke zwei Stunden später noch daran.
Am nächsten Morgen vielleicht auch.
Dann passiert etwas anderes.
Und plötzlich sind anderthalb Wochen vergangen.
Nicht aus Desinteresse.
Nicht, weil mir jemand unwichtig ist.
Mein Gehirn hat die Aufgabe schlicht irgendwo hinter einer anderen Tür abgelegt.
Dafür kann ich mich an das Pferd erinnern.
An seinen Huf.
An eine kleine Besonderheit an der Sohle.
An die Stelle, die beim letzten Termin anders aussah.
An seine Reaktion.
An seine Geschichte.
Den Namen des Besitzers?
Schwierig.
Den Namen des Pferdes?
Natürlich.
Das ist manchmal absurd.
Aber es ist auch ziemlich genau die Art, wie mein Kopf Informationen sortiert.
Ich versuche deshalb nicht mehr, so zu arbeiten, als würde mein Gehirn anders funktionieren.
Ich versuche, meine Arbeit so zu strukturieren, dass sie zu mir passt.
Mit Erinnerungen.
Mit Routinen, die mal klappen und mal nicht.
Mit Listen, die dann meist eh nur rumliegen und von mir vergessen werden.
Mit Rückfragen, ja, auch die 1000ste.
Mit Ruhe, wenn ich sie brauche.
Und mit der Akzeptanz, dass nicht jede Antwort sofort da sein muss.
Denn auch das gehört für mich zu guter Arbeit:
nicht so zu tun, als hätte man immer sofort eine Lösung.