Ausbrüche an hebelnden Wänden

Wenn die Hufwand zum Hebel wird

Hufwandausbrüche entstehen nicht zwangsläufig, weil das Horn zu trocken oder grundsätzlich zu schwach ist. Weicht ein Wandabschnitt sichtbar nach außen aus, kann er beim Auffußen zunehmend wie ein Hebel wirken: Die einwirkenden Kräfte werden nicht mehr gleichmäßig über die Hufkapsel verteilt, sondern belasten einzelne Bereiche verstärkt.

Mit jedem Schritt können so Bewegung und Spannung innerhalb der Wand entstehen. Das Horn beginnt einzureißen, abzusplittern oder bricht schließlich an seiner schwächsten Stelle aus. Der sichtbare Ausbruch ist dann häufig nicht das eigentliche Problem, sondern das Ergebnis einer bereits länger bestehenden ungünstigen Belastungssituation.

Deshalb genügt es nicht immer, ausschließlich die beschädigte Stelle zu kürzen oder optisch zu glätten. Entscheidend ist, den gesamten Huf, seine Belastung und die Ursache der hebelnden Wand zu betrachten. Denn Flares und andere Verformungen der Hufkapsel gelten vor allem als Hinweis auf eine ungleichmäßige Lastverteilung – nicht bloß als kosmetischer Makel.

Die gezeigten Praxisbilder dienen der Orientierung. Jeder Huf und jede Belastungssituation müssen individuell am Pferd beurteilt werden.

Wie immer werden die ersten Bilder zur besseren Betrachtung in XXL dargestellt.


Die nachfolgenden Bilder sind von einer Besitzrin aufgenommen worden mit der Frage nach meinem Panik-Grad. Solche Bilder erreichen Hufbearbeiter häufig im Sommer durch trockene Böden in Ställen und im Gelände. Ich persönlich freue mich über die Unbefangenheit meiner Kunden und so tolle Bilder!💛



Dieser Junge wurde bewusst in einem kurzen 4-5 Wochen Intervall bearbeitet und unser Termin stand im Moment der Aufnahmen bereits vor der Tür.

Im nachfolgenden findet ihr die mediale also innere Seiten Ansicht des linken Vorderhufs im Vorher Nachher, die Sohlenansicht im Vorher Nachher und ein nettes "Alles wird gut" Bild im Anschluss.

Im rechten Bild sind meine Raspelstriche noch Störend zu sehen und wirken fast als hätte ich auf den Jungen eingehackt!😆Ich bitte das zu entschuldigen, die Korrektur fand anschließend statt. Neben der Verkleinerung des Ausbruchs ist im rechten Bild leider auch eine Schwebe zu sehen,die so nicht eingearbeitet worden ist.Der Jung war lediglich im Begriff abzuheben und der Moment des "Auslösens" schwach gewählt. Hätte man natürlich auch nochmal versuchen können aber wer kann schon ahnen,dass er zum Titelhelden wird😉


Hier ist der wahnsinns Tragrandüberstand gut zu sehen,den der Liebe entwickelt hat.Nach Bearbeitung wurde der Strahl noch behandelt, hier aber für das Photo noch in unbehandelter Version. Aus "Solearer" Ansicht wirken die Tragränder in ihren Überständen noch ungleich, was täuscht,wenn man eine weitere Ansicht hinzuzieht, die ich an dem Tag leider vergaß aufzunehmen.Tadaa! Hochprofessionelles Chaos halt😉🤪Was man jedoch ganz gut sehen kann ist das bei der linken Trachtenendkante wieder ein bisschen mehr Fläche durch Höhenanpassung gewonnen wurde. Von einer filigranen Ausarbeitung hab ich hier abgesehen,um mir die Fläche zu erhalten. Die Feinarbeit kommt irgendwann wieder,wenn die Wand zurück ist.


Der Verlauf


Fall auf einen Blick

Ausgangslage
An der inneren Seitenwand war ein rundlicher Ausbruch entstanden. Das kräftige Hufwachstum hatte die bereits hebelnde Wand zusätzlich verlängert und damit die Belastung in diesem Bereich verstärkt.

Beobachtung
Die ausgebrochene Wandkante war rund begrenzt. Gleichzeitig bot die scharf ausgeprägte Trachtenendkante nur eine kleine Auflagefläche – die Belastung wirkte dadurch sehr punktuell.

Bearbeitung
Der Zehenbereich wurde in seiner Höhe angepasst und die hebelnde Seitenwand entlastet. Auch die Tragrandbreite wurde in diesem Bereich neu abgestimmt. Nach der Kontrolle der tieferliegenden Strukturen konnte zudem die Auflagefläche an der Trachte vergrößert werden.

Weitere Begleitung

Da dieser Huf ausgesprochen schnell wächst, wird er zunächst in kurzen, an sein Wachstum angepassten Abständen begleitet. So kann die Wand regelmäßig entlastet werden, bevor erneut ein starker Hebel entsteht.

 

Hebelnde Wände brauchen keine kosmetische Korrektur, sondern eine ehrliche Ursachenbetrachtung, regelmäßige Entlastung und die Zeit, wieder tragfähig nachzuwachsen.


Das "Alles wir gut!" Bild


Was am Ende bleibt

Auch Ausbrüche an hebelnden Wänden können passieren. Und ganz norddeutsch gesagt: Was weg ist, ist erst einmal weg und wie bei den treppenartigen Ausbrüchen sieht es mitunter dramatischer aus, als es tatsächlich ist.

In vielen Fällen bleiben die tieferliegenden Strukturen unbeteiligt. Der Huf wird sorgfältig beurteilt, störende Kanten werden geglättet und der betroffene Wandabschnitt so weit entlastet, dass der bestehende Hebel reduziert wird. Anschließend braucht die Hufwand vor allem eines: Zeit, um möglichst ruhig und tragfähig nachzuwachsen.

Mit einem passenden Bearbeitungsintervall und der Mitarbeit des Besitzers lässt sich vieles wieder in die richtige Richtung begleiten. Gleichzeitig lohnt sich immer die Frage, warum die Wand an genau dieser Stelle zu hebeln begonnen hat. Denn der sichtbare Ausbruch ist häufig nur das Ergebnis einer Belastungssituation, die bereits vorher bestanden hat.

Deshalb endet meine Arbeit nicht an der ausgebrochenen Wandkante. Auch die Balance des gesamten Hufes, die Belastung der umliegenden Strukturen und das Pferd oberhalb meiner kleinen „Baustelle“ werden mitgedacht – und wenn es sinnvoll ist, empfehle ich weitere fachliche Unterstützung.

Denn nicht jeder Ausbruch ist eine Katastrophe. Aber jede hebelnde Wand erzählt uns etwas, wenn wir bereit sind, genau hinzusehen.

 

Du möchtest einen Huf gemeinsam betrachten?

Komm gern mit mir ins Gespräch.

Quellenangaben

UC Davis School of Veterinary Medicine

Equine Veterinary Education – Hoof wall separations and hoof-capsule conformation