26.07.26 (Lesezeit: 4:15Min)
Ich bin Hufbearbeiterin.
Ich arbeite vermehrt mit Pferden, die kein anderer bearbeiten möchte oder die bei der Hufbearbeitung Probleme haben.
Ich gebe mir bei neuen Kunden oft nur wenige Minuten,um das emotionale und physische Gesamtbild zu analysieren.
Verstehen beginnt oft erst während der eigentlichen Bearbeitung.
Das Pferd kennt mich nicht.
Es ist ein Fluchttier.
Es kennt aber mein Equipment.
Den Geruch.
Die Aufregung der Kundin.
Es sind wenige Minuten,die darüber entscheiden ob ich an dem Tag verletzt raus gehe oder es schaffe eine Verbindung aufzubauen in der auch ICH sicher bin.
Wenige Minuten,um das Tier Pferd davon zu überzeugen,dass ich ein sicherer Ort bin.
Ich kommuniziere also auf mehreren Kanälen simultan.
Besitzer,Pferd, über meine Arbeitsweise währenddessen.
Ich habe eine Stunde,um Pferd und Halter von ihrem Potenzial zu überzeugen.
Maximal 12 Stunden im Jahr,
um dem Pferd die Sicherheit zurück zu geben,
die es irgendwann einmal auf ihrem gemeinsamen Weg verlor.
Die Sicherheit, die für andere so natürlich ist wie das tägliche rausgehen.
Warum ich dich nun bitte, dich zu mir zu setzen und zu lesen?
Weil es so wichtig ist sich ab und zu einfach mal wieder an all seine sechs Sinne zu erinnern als womöglich starr etwas zu fordern, was eure derzeitige Verbindung im Moment vielleicht nicht tragen kann.
Hol dir einen Kaffee,
bleib noch einen Moment.
Und vielleicht erinnern dich die nächsten Zeilen an etwas, das wir im Alltag viel zu leicht übersehen.
Es gibt Verbindungen, an die wir uns so sehr gewöhnt haben, dass wir aufgehört haben, über sie zu staunen.
Die Verbindung zwischen Menschen und Pferden ist eine davon.
Wir führen sie am Halfter. Wir berühren ihre Körper. Wir heben ihre Hufe an, behandeln Verletzungen, setzen uns auf ihren Rücken und erwarten manchmal sogar, dass sie uns durch unbekannte Situationen tragen.
Für uns ist all das normal geworden.
Für ein Pferd ist es das nicht.
Denn wenn wir alles fortnehmen, was Gewohnheit, Ausbildung und jahrtausendelange gemeinsame Geschichte daraus gemacht haben, bleiben zunächst zwei Wesen zurück, deren natürliche Rollen kaum gegensätzlicher sein könnten:
Prey and predator.
Beutetier und Raubtier.
Der Mensch trägt noch immer viele Merkmale eines Predators in sich. Unsere Augen sind nach vorn gerichtet. Wir fokussieren. Wir bewegen uns zielgerichtet. Wir greifen nach Dingen. Wir planen, kontrollieren und versuchen, unsere Umgebung nach unseren Vorstellungen zu gestalten.
Das Pferd dagegen ist darauf ausgelegt, die Welt um sich herum wahrzunehmen.
Seine Augen erfassen beinahe den gesamten Raum. Seine Ohren bewegen sich unabhängig voneinander. Sein Körper registriert Veränderungen oft lange bevor wir sie überhaupt bemerken. Es hört, riecht und fühlt eine Welt, die für unsere Sinne häufig verborgen bleibt.
Sein Überleben hing nie davon ab, stärker zu sein als der Angreifer.
Es hing davon ab, ihn rechtzeitig zu bemerken.
Und dennoch steht dieses Tier heute neben uns.
Es lässt unsere Hände an seinen Hals.
Es folgt uns in enge Anhänger, durch fremde Tore und über unbekannte Wege.
Es erlaubt uns, einen seiner Füße anzuheben – obwohl es damit für einen Moment auf einen Teil seiner Fluchtmöglichkeit verzichtet.
Vielleicht haben wir vergessen, wie außergewöhnlich das ist.
Wir nennen es brav, wenn ein Pferd stillsteht.
Wir nennen es gut erzogen, wenn es folgt.
Wir nennen es zuverlässig, wenn es seine Angst überwindet.
Doch vielleicht sollten wir es manchmal einfach Vertrauen nennen.
Ein Pferd weiß nicht, was wir vorhaben.
Es versteht unsere Termine, Trainingspläne und Erwartungen nicht.
Es kennt nicht den Grund, weshalb wir heute etwas von ihm verlangen, das ihm gestern noch unheimlich war.
Es sieht nur uns.
Unsere Bewegungen.
Unsere Atmung.
Unsere Spannung.
Unsere Ungeduld.
Unsere Absicht.
Und dann trifft es eine Entscheidung.
Bleibe ich?
Oder gehe ich?
Dass so viele Pferde bei uns bleiben, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein Geschenk, das wir durch Gewöhnung kaum noch als solches erkennen.
Vielleicht liegt genau hier das Wowooh.
In jenem winzigen Moment, in dem ein Pferd den Kopf senkt, obwohl sein Körper eben noch angespannt war.
In dem vorsichtigen Ausatmen.
In einem Ohr, das sich zu uns dreht.
In einem Huf, der sich aus eigener Entscheidung vom Boden löst und in unsere Hand gegeben wird.
Von außen betrachtet geschieht dabei kaum etwas.
Und doch überwindet ein Beutetier für diesen Moment einen Teil dessen, was die Natur tief in ihm verankert hat.
Nicht, weil wir es besiegt haben.
Sondern weil es uns vertraut.
Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtiger mit dem Wort „Ungehorsam“ sein. Vielleicht sollten wir genauer hinsehen, wenn ein Pferd nicht bleibt, nicht folgt oder seinen Huf nicht geben kann.
Denn möglicherweise verweigert es sich nicht.
Möglicherweise versucht sein Körper gerade nur, es am Leben zu halten.
Das bedeutet nicht, dass Pferde niemals lernen dürfen, Herausforderungen zu bewältigen. Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass wir jede Unsicherheit vermeiden. Aber es macht einen Unterschied, ob wir Angst als Widerstand bekämpfen oder sie als Information verstehen.
Ob wir sagen:
„Du musst.“
Oder ob wir fragen:
„Was brauchst du, damit du kannst?“
Wir Menschen besitzen die Macht, Pferde festzuhalten, zu begrenzen und zu kontrollieren. Doch die tiefste Verbindung entsteht nicht dort, wo Macht funktioniert.
Sie entsteht dort, wo wir sie nicht brauchen.
Wenn ein Tier, das jederzeit von uns fortlaufen möchte, freiwillig einen Schritt näherkommt.
Wenn aus Wachsamkeit Neugier wird.
Wenn aus Unsicherheit Vertrauen wächst.
Wenn aus prey and predator für einen Moment etwas vollkommen Neues entsteht:
Zwei Wesen, die einander zuhören.
Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte zwischen Menschen und Pferden. Nicht die Geschichte darüber, wie wir sie gezähmt haben.
Sondern darüber, wie sie gelernt haben, uns zu vertrauen – und wie wir hoffentlich niemals aufhören, dieses Vertrauen zu verdienen.
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