"Heute ist Stille"    

02.07.26 (Lesezeit 11:42min)

 

Es ist meine erste Geschichte in dieser Rubrik.

 

Sie könnte auch niemals eine andere sein.

 

Eine meiner persönlichsten.

 

Eine Hommage.

 

Fast schon Ein Liebesbrief.

 

Eine wunderbare Erinnerung an ein Pferd, dass ich nur ein kurzes Stück seines Weges begleiten durfte und das es trotzdem schaffte nicht nur meinen Blick,sondern auch meine Arbeit ganz grundlegend zu verändern.

 


Stellt euch vor draußen ist ein verregneter grauer Tag.

Schnappt euch euren Kaffee,

setzt euch zu mir an den Küchentisch und lest nun warum:


Ich wurde damals zu Dandy gerufen, weil er ein sehr betagter großer Hannoveraner Wallach war, der aufgrund des Ruhestands seines alten Schmieds und 2 vergeblichen Versuchen einen Hufbearbeiter für ihn zu finden nun ohne Bearbeiter lebte.

Meine Arbeit hatte sich ein bisschen rum gesprochen und so lernten wir uns kennen.

 

Seine Besitzerin war und ist ein Pferdemädchen durch und durch und behandelte nicht nur ihn, sondern auch so viele andere Pferde in ihrem Kundenstamm auf sehr ganzheitliche,warmherzige und absolut ruhige und einfühlsame Art.

 

Wenn ich die beiden besuchte, erlebten wir unheimlich erfrischende und inspirierende Gespräche während ich seine Hufe in dem Tempo bearbeitete wie er es mit 33 Jahren eben an dem Tag benötigte.


Dandy war ein glückliches Pferd.

Geboren und aufgezogen unter der Hand seiner Besitzerin, einer großherzigen warmen Emphatin, die ihn über alles liebte und ihm jede freie Minute mit voller Hingebung widmete.


Wenn man als ein Mensch wie ich es bin auf solch ein Team trifft fühlt es sich an wie

 

das Öffnen von großen Balkontüren zum Meerblick am ersten Morgen des Sommer Urlaubs.

 

Beiden hatten eine heilsame Aura für mein damals angegriffenes Nervensystem.

 


 

Dandy verstand sehr schnell, dass ich ein Nerd bin und jeden Arbeitsschritt am Pferd am liebsten immer in der gleichen Reihenfolge machte .

Und so belohnte er mich und mein Nervensystem an guten Tagen damit, dass der Huf bereits angewinkelt wurde, während ich noch meinen ganzen Kram zusammenklaubte um einen Huf weiter zu gehen.

An schlechten Tagen riss ICH mich zusammen und arbeitete kreuz und quer, um den „schlechten“ Huf so oft es ging pausieren zu lassen.

Er dankte es mir.

Das wusste ich immer.

Dann kam dieser Tag.


Wir quatschten wieder fröhlich während ich began zu arbeiten, hatten wir uns ja nun schon wieder Wochen nicht gesehen und irendwie gab es immer tolle Dinge über die wir uns austauschten.

 

Ich arbeitete beim quatschen am ersten Huf und spürte wie mir abrupt

die Worte im Hals stecken blieben.

Dandy setzte den Huf ab und zwang mich inne zu halten.

Es waren nur wenige Augenblicke in denen es spürbar war.

Ein Wechsel der Atmosphäre. Eine komplett andere Energie.

 

Es fühlte sich an, als hätte jemand die Welt für einen Augenblick auf - Pause - gedrückt.

 

Ich stand langsam auf,drehte mich zu seiner Besitzerin.

Wir sahen uns an.

Keiner von uns sagte etwas.

Beide hatten denselben Moment erlebt.

 

Bis heute kann ich ihn nicht erklären.

 

Wieder bei Sinnen entschuldigte ich mich für das abrupte verstummen im Gespräch und erklärte, ich hätte das Gefühl, Dandy möchte in Ruhe arbeiten.

Es war mir ein bisschen peinlich, das so klar zu sagen aber seine Besitzerin war voller Verständnis und nickte wohlwollend.

 

-Und so fand die Bearbeitung in absoluter Stille statt.-

 


Kein Abschnauben.

Nur müdes Kopf senken in Dankbarkeit

und der Austausch von den uns bekannten und willkommenen Berührungen als Zeichen der Freundschaft und des gegenseitigen Respekts.

 

Wir wurden zu Bescheidenheit und Ruhe bewegt.

 

Zum ersten Mal in meiner bis dato „Karriere“ hab ich gespürt, dass ein Pferd mit einer unverleichbaren Selbstbestimmung kommunizierte „ Stille!“.

Ich weiß, dass wir immer noch Freunde waren.

Dandy und ich.

Immer noch verbunden durch all die warmen und fröhlichen Stunden, die wir verbrachten in seinem Ruhestand.

 

Und dennoch verließ ich den Hof an diesem Tag anders.

 


-Dandy ging nur wenige Wochen später über die Regenbogen Brücke-


Über die Zeit habe ich viele Pferde und Menschen kennengelernt und erlebe bei meinen betagten Pferden auch immer mal wieder den von mir liebevoll genannten „Dandy Moment“.

Momente in denen sie abrupt mitteilen, dass der Bearbeitungsort nicht der Richtige ist,die Gelenke Schmerzen,es mehr Pausen braucht oder ich einfach mit dem quatschen aufhören soll,weil sie an dem Tag einfach Ruhe brauchen.

Momente in denen ich einfach ohne wenn und aber zuhöre, respektiere und Dinge änder, wenn es Menschen möglich ist.

 

Was ich mit Dandy damals erlebte ist bis zum heutigen Tage jedoch einzigartig geblieben.

 

Er veränderte mein Verständnis und meine Sensoren unumkehrbar und sorgte damit indirekt für das Wohlbefinden aller Pferde, die nach ihm kommen sollten.

Ein Vermächtnis,dass nun nach vielen Jahren in die unendlichen Internet Gründe geht und vielleicht Wellen schlägt von denen Dandy damals mit Sicherheit nichts wusste und auch nichts wissen wollte.

 


 

 

 

Heute war ich gedanklich nochmal auf diesem Hof.

Erlebte nochmal diese Stille.

Heute fühlt sie sich nicht mehr schwer an.

Heute begreife ich sie anders.

 

Und obwohl er nicht mehr dort steht,

ist er irgendwo in mir noch lebendig.

 

In tiefer Dankbarkeit,lieber Dandy.

Roam Free Mein Freund.