STUDIE #1


Beyond the Hoof – Fachbeitrag zur Frage, wie Hufbearbeitung die Druckverteilung im Pferdehuf verändert

Wie verändert Hufbearbeitung die Druckverteilung im Huf?

Hufbearbeitung soll Form, Funktion und Belastung beeinflussen. Doch wie deutlich zeigt sich das tatsächlich in der Druckverteilung unter dem Huf?
Genau hier setzt diese Studie an: Sie untersucht, wie sich eine einzelne Hufbearbeitung auf die Druckverteilung der Sohlenfläche auswirkt – und ob bestimmte Veränderungen der äußeren Hufform mit diesen Belastungsverschiebungen zusammenhängen.


Beyond the Hoof – Studienübersicht zur Druckverteilung im Pferdehuf vor und nach der Hufbearbeitung

Studientyp: Querschnitts-Kohortenstudie

Teilnehmer: 50 klinisch lahmheitsfreie Pferde. 13 Warmblüter bzw. Warmblut-Mixe, 11 Vollblüter/Mixe, 9 Irish-Draught/Mixe, 6 Welsh/Mixe, 5 Araber/Mixe, 3 Connemaras sowie je 1 Cob, Native Pony und Friesian-Mix.

Das Durchschnittsalter lag bei 11,6 Jahren. Kaltblüter oder Shettys tauchen in der Stichprobe also praktisch nicht auf.

Eingeschlossen wurden Pferde, die bei einer tierärztlichen Untersuchung im Trab auf gerader harter Linie keine Lahmheit zeigten und mindestens alle zwei Wochen geritten wurden.

Untersucht: 94 Vorderhufe

Hufbearbeiter: 10 WCF-registrierte Fachleute

Intervall seit letzter Bearbeitung: median 6 Wochen

Messungen: 18 äußere Hufmaße, jeweils vor und nach der Bearbeitung

Druckanalyse: Pferde wurden vor und nach der Bearbeitung im Schritt über eine Druckmessmatte geführt; pro Vorderhuf wurden mindestens vier gültige Auftritte ausgewertet

Ziel: Veränderungen der Druckverteilung nach einer einzelnen Bearbeitung sichtbar machen und prüfen, ob sie mit Veränderungen der Hufform zusammenhängen.


Die Forscher betrachteten also nicht nur, ob sich der Druck unter dem Huf verändert, sondern auch wo. Dafür wurden die Druckbilder der gesamten Sohlenfläche vor und nach der Bearbeitung miteinander verglichen und anschließend mit den Veränderungen der äußeren Hufmaße in Beziehung gesetzt.


Beyond the Hoof – zentrale Ergebnisse der Studie zur Druckverteilung und Belastung des Pferdehufs nach der Hufbearbeitung

Bei 80 von 94 untersuchten Vorderhufen – also rund 85 % – zeigte sich nach dem Bearbeiten keine signifikante Veränderung. 

Bei 14 von 94 Vorderhufen veränderte sich die Druckverteilung signifikant. In 12 Fällen stieg der Druck im Strahlbereich an; bei einem Huf nahm er dort ab, bei einem weiteren stieg der Druck im medialen und lateralen Sohlenviertel.Diese Veränderung hing mit bestimmten Veränderungen der Hufform zusammen, unter anderem mit Veränderungen von Trachtenwinkel, Trachtenlänge und der tragenden Randlänge. 


Beyond the Hoof – Einordnung der Studienergebnisse zur Wirkung von Hufbearbeitung auf die Druckverteilung im Pferdehuf

Die spannendste Aussage dieser Studie ist eigentlich, dass Hufbearbeitung nicht automatisch zu einer messbaren Veränderung der Druckverteilung führt.

Besonders interessant für die Praxis: Nicht nur das „Ob“ der Bearbeitung zählt, sondern das „Wie“. Ein einzelner Hufbearbeiter war für 7 der 12 Fälle mit erhöhtem Strahldruck verantwortlich. Das beweist keine „falsche“ Bearbeitung, deutet aber darauf hin, dass selbst bei vergleichbarer Ausbildung und Standards individuelle Bearbeitungsmuster messbare biomechanische Unterschiede erzeugen können.

Grenzen der Studie:
Die Ergebnisse zeigen Zusammenhänge nach einer einzelnen Hufbearbeitung. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Lahmheitsbeurteilung subjektiv erfolgte und die Geschwindigkeit der Pferde während der Druckmessung nicht erfasst wurde.

Die Ergebnisse sollten deshalb als Hinweis auf biomechanische Zusammenhänge gelesen werden – nicht als allgemeingültige Regel für jeden Huf.

50 Pferde und 94 Vorderhufe liefern einen interessanten Einblick – aber keine universelle Antwort. Die Stichprobe bestand wie bereits erwähnt überwiegend aus Warmblut-, Vollblut-, Irish-Draught- und ähnlichen Typen; sehr kleine Ponys oder schwere Kaltblüter waren kaum beziehungsweise gar nicht vertreten.

Zudem bedeutet „lahmfrei“ nicht automatisch, dass ein Huf biomechanisch optimal ausbalanciert ist. Untersucht wurde außerdem nur die unmittelbare Druckverteilung nach einer einzelnen Bearbeitung. Wie sich diese Veränderungen über mehrere Wochen, mehrere Bearbeitungszyklen oder bei anderen Pferdetypen entwickeln, beantwortet diese Studie nicht.

Beyond the Hoof – praktische Bedeutung der Studienergebnisse für Pferdebesitzer und die individuelle Hufbearbeitung             Ist dieses Gespräch bisher hilfreich?

Was bedeutet das nun für dein Pferd?

Kein Huf reagiert exakt wie der nächste. Form, Belastung, Bewegung und individuelle Entwicklung spielen zusammen – deshalb sollte Hufbearbeitung nie nur nach einem starren Schema erfolgen.

Für meine Arbeit bedeutet das: nicht nur darauf zu schauen, was verändert wird, sondern wie viel, wo und mit welchem Ziel. Entscheidend ist immer der einzelne Huf im Zusammenhang mit dem ganzen Pferd.

„80 von 94 Hufen – keine signifikante Veränderung. Also hat die Bearbeitung nichts gebracht.“

Genau das wäre zu kurz gegriffen, weil hier unmittelbar nach einer einzelnen Bearbeitung gemessen wurde. Dass die Druckverteilung dabei oft nicht sofort signifikant anders war, heißt nicht automatisch, dass die Bearbeitung wirkungslos war. Es heißt nur: Dieser eine Messparameter hat sich direkt danach bei den meisten Hufen nicht deutlich verändert.

Und ja — das ist nicht zwingend schlecht. Eine gute Bearbeitung muss nicht immer sofort eine große biomechanische Verschiebung produzieren. Gerade bei bereits relativ funktionellen Hufen kann Stabilität genauso ein sinnvolles Ergebnis sein wie Veränderung.

Keine signifikante Veränderung bedeutet also nicht automatisch: keine Wirkung.

Eine „günstige“ oder unveränderte Druckverteilung ist nicht gleichbedeutend mit Komfort –

und eine Veränderung der Druckverteilung nicht automatisch mit Verbesserung.

 


Beyond the Hoof – offene Fragen und weiterer Forschungsbedarf zur langfristigen Entwicklung von Pferdehufen nach der Hufbearbeitung

Was bleibt offen?

Was daraus langfristig entsteht, wie sich unterschiedliche Pferdetypen entwickeln, welche Rolle Ausgangszustand, Balance, Bewegung oder Komfort spielen und ob sich Veränderungen erst über mehrere Bearbeitungszyklen zeigen, lässt sich aus dieser Studie nicht ableiten.

Hinzu kommt eine für die Praxis wichtige Lücke: Die beteiligten Hufbearbeiter waren zwar alle nach britischem Standard qualifiziert und Mitglieder der Worshipful Company of Farriers (WCF), die konkrete Bearbeitungsmethode wurde jedoch nicht standardisiert oder detailliert beschrieben. Wir wissen also, dass bearbeitet wurde und welche Veränderungen der Hufform danach messbar waren – aber nicht exakt, wie Zehe, Trachten, Wand, Strahl oder Sohle im Einzelfall bearbeitet wurden.

Gerade weil ein einzelner Bearbeiter 7 der 12 Fälle mit erhöhtem Strahldruck stellte und die Autoren selbst auf Unterschiede zwischen den Bearbeitern hinweisen, ist diese fehlende methodische Detailtiefe relevant.

Und genau darin liegt vielleicht der eigentliche Wert dieser Studie:
Sie bestätigt nicht einfach unsere gewohnten Annahmen. Sie zeigt vielmehr, wie viel Kontext uns noch fehlt, bevor wir aus einer gemessenen Druckveränderung auf „gute“, „schlechte“ oder überhaupt wirksame Bearbeitung schließen können.

Manchmal liefert Wissenschaft keine fertige Antwort.
Manchmal zeigt sie uns nur genauer, welche Fragen wir noch stellen müssen.



Beyond the Hoof – Verweis auf die Originalstudie mit vollständiger Methodik, Ergebnissen und wissenschaftlichen Details

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Quellen

Seery, S., Gardiner, J., Bates, K. T., Pinchbeck, G., Clegg, P., Ireland, J. L. & Milner, P. I. (2025).
Changes in pressure distribution of the solar surface after a single trimming event are associated with external hoof measurements in the equine fore foot.
Equine Veterinary Journal, 57(5), 1255–1264.
DOI: 10.1111/evj.14463 

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Ergänzende Quellen

PubMed – bibliografischer Eintrag zur veröffentlichten Studie mit Autoren, Journal, Band, Ausgabe und PMID 39785669. PubMed

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PubMed Central (PMC) – frei zugängliche Volltextversion des veröffentlichten Artikels. PubMed Central (PMC)

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University of Liverpool Repository – institutioneller Eintrag mit Author Accepted Manuscript und bibliografischen Angaben zur Studie. Liv Repository

University of Liverpool DataCat – zugehöriger Forschungsdatensatz mit den externen Hufmessungen von 94 Vorderhufen bei 50 Pferden vor und nach der Bearbeitung. DOI: 10.17638/datacat.liverpool.ac.uk/2765.